Buchtipp: „Herr Kato spielt Familie“ von Milena Michiko Flašar

Endlich nicht mehr arbeiten. Endlich tun, wozu man nie Zeit hatte. In der Pension hat er alle Zeit der Welt, weiß aber weder mit sich noch mit anderen etwas anzufangen. Und genau so geht es seiner Frau, die lieber wieder mit dem Tanzen beginnt, als sich von ihm jetzt auch tagsüber anschnauzen zu lassen

Herr Kato spielt Familie

Wer bin ich, wenn ich nichts mehr leiste?

Sympathisch ist er eher mittel, aber Milena Michiko Flašar gelingt es mit feinem Humor, dass wir neugierig bleiben. Sie beschreibt in ihrem Buch gleich mehrere interessante Phänomene, die zwar in Japan beheimatet sind, aber gleichzeitig auch die Schattenseiten der Leistungsgesellschaft allgemein zeigen.

Da wäre das RHS – Retired Husband Syndrome – eine psychosomatische Erkrankung, die Frauen betrifft, wenn ihre Männer in der Pension plötzlich den ganzen Tag zu Hause sind. Vom Ernährer zum Fremden geworden sind sie jetzt lästig wie „feuchtes Laub“.
Als er von einer jungen Frau ein Jobangebot erhält, ist er zuerst skeptisch. Die Agentur „Happy Familiy“ castet Familienangehörige für Hochzeiten, Trauerfeiern und andere Familientreffen. Damit man denkwürdige Momente schaffen kann, die einem die eigene Familie nicht bieten kann. Und seinen ersten Auftrag als Großvater namens Herr Kato meistert er mit Bravour. Er hält Hochzeitsreden als Firmenchef, zeigt seinem „Enkel“ wie man den Fahrraddruck misst und mit jedem Auftrag bröckelt auch ein Stückchen seiner Kruste ab.

Wir begleiten ihn Auftritten, Erinnerungen an vergangene Tage und Lächelübungen (denn am Lächeln muss er noch arbeiten) und lernen dabei einen vielschichtigen Menschen kennen, den man nicht so leicht vergessen kann.

Ein schönes und kluges Buch!