SOMMERBUCHTIPP 3# "Herkunft" von Saša Stanišić

„Čija si ti?“ war die Frage, die ich im Dorf meiner Mama in der Vojvodina oft gehört habe. Meist von irgendwelchen ältere Leuten auf der Straße oder von den Bankerln vor den Häusern. „Wem gehörst du?“ Ich war immer verwirrt, weil ich es wörtlich übersetzte und nicht verstand, was die genau damit meinten. Meine Tante, die aus Bosnien eingeheiratet hatte, erklärt es mir dann: gemeint war, zu welcher Familie man gehöre, wem man zugeordnet werden soll. „Lićinski“ solle ich darauf antworten. Aber weder meine Familie in dem Dorf, noch die in Wien hieß so. „Das ist unser alter Familienname. Dann wissen die alten Leute Bescheid.“ Denn in dem Dorf hatten alle einen neuen und einen alten quasi Sippennamen. So weit, so gut. Aber mir, auch in jungen Jahren etwas bockig von Gemüt, wollte das nicht so leicht von den Lippen kommen. Denn meiner Meinung nach gehörte ich nur mir selber. Um aber irgendwas zu antworten, sagte ich dann meistens „Mamina i Tatina“, also ich gehöre (wenn überhaupt) meinen Eltern.

An diese Geschichte musste ich ganz oft bei Saša Stanišićs „Herkunft“ (Luchterhand Verlag) denken. Ein autobiografischer Text, der eine wunderbar zu lesende Reflexion zum Thema Herkunft, Heimat und Familie ist. Ganz nebenbei die Geschichte des ehemaligen Jugoslawiens und der Menschen in der Diaspora erzählt. Und wie es ist, in den Zwischenwelten zu leben, wo die Frage „und woher kommst du?“ nicht immer so einfach zu beantworten ist. Ein Buch über den ersten Zufall unserer Biographie, an einem Ort geboren zu werden, und was danach kommt.

Eine ganz große Leseempfehlung!!!!